Sweet Touch by U.

24. September 2008

Schenk mir bitte keine Zeitmaschine!

Er ist dreckig, stinkt und ist ganz und gar nicht hübsch anzusehen – Müll ist eben Müll! Als Person, die eine westlich, fortschrittliche Sozialisation genossen hat, habe ich zugegebenermaßen ein sehr unnatürliches, ablehnendes Verhältnis zu meinen Abfällen. Sobald ich etwas weggeworfen habe, möchte ich damit schlicht und einfach nicht mehr konfrontiert werden. Dies lässt sich zwar manchmal nicht vermeiden: man bedenke den grässlichen Fruchtfliegenalarm, wenn der Biomüll im Eimer vergessen wurde oder den unschönen gelben Sack, der in Ermangelung eines eigenen Gartens meist in der Wohnung oder auf dem Balkon bis zur Abholung lagert – doch trotzdem gilt: Nein, ich befasse mich nicht gern mit Müll. Wer tut das schon?
Nun, es gibt zumindest offenbar einige Menschen, denen er nicht das Geringste auszumachen scheint. Neulich auf einem Mittelaltermarkt schwärmte eine Dame in höchst abenteuerlicher Gewandung von der „echten Schönheit“ des Mittelalters. Damals sei alles so einfach, bodenständig und natürlich gewesen. Nun – das mag stimmen, doch ich habe andere Bilder vor Augen, wenn ich an diese Epoche denke. Sickergruben, Plumpsklos, Dreck- und Müllberge soweit das Auge reicht. Oh, und fast hätte ich die Ratten und die Pest vergessen. Zum Glück bin ich zumindest so phantasielos, dass ich mir den authentischen infernalisch-miasmatischen Geruch nicht ausmalen kann. Als ich, verstört von dieser furchtbaren Vision, meine Meinung zu diesem Gesprächsthema Kund tat, begegnete man mir lediglich empört und mit hochgezogenen Augenbrauen, worauf ich mich gekränkt verbal zurückhielt.
Ich kann mir jedoch bei aller Verkleidung und Verblendung nicht vorstellen, dass eben jene Gesprächspartnerin Spaß an mittelalterlichen Zuständen auf ihrem eigenen Grund und Boden hätte. Ganz im Gegenteil übrigens zu meinem neuen Nachbarn. Der Mann von dem hier die Rede ist, zog vor etwa einem Monat in die Wohnung über mir ein und tat seitdem sein Möglichstes das Mittelalter in unserem Haus und vor allem auf dem Hofgelände wieder auferstehen zu lassen. Bei diesem „Projekt“ – das ihm offenbar viel bedeutet – wird er von seiner Frau und seinen drei Kindern tatkräftig unterstützt.
Fest steht: An dem Verhalten dieser Familie dürfte jeder übereifrige Sozialarbeiter seine helle Freude haben. Mir war es zu Beginn völlig unverständlich wie man in unserer fortschrittlichen und planbaren Lebenswelt aufwachsen kann, ohne die alltägliche Mülltrennung zu beherrschen. Ich gehöre sicherlich nicht zu dem Menschen, die liebevoll ihren Joghurtbecher mit heißem Wasser abzuspülen und ihn dann auch noch abtrocknen bevor sie ihn entsorgen, und hin und wieder ertappe ich mich auch bei Gedankengängen, die einem eher durchschnittlich ausgeprägten Umweltbewusstsein entsprechen – doch im Gegensatz zu dieser Familie bin ich ein waschechter Hygiene-Pedant. Aber was tun, wenn eine Person in das Haus einzieht und plötzlich, liebevoll ausgedrückt, mittelalterliche Zustände herrschen? An dieser Stelle sei jeder gewarnt, der aus Bequemlichkeit den Erwerb von Eigentum scheut. Es lohnt sich! Denn: Wer zur Miete lebt, muss sich eben irgendwie arrangieren.
Gesagt, getan – obwohl ich kein motivierter Mitarbeiter eines sozialen Dienstes bin, hatte ich mir an einem sonnigen Nachmittag vorgenommen, meinen Mitmietern die Welt zu erklären. Mit einem braunen Biomülltüte und einem gelben Sack bewaffnet, klingelte ich an der Tür der Nachbarn. Mir wurde von einer völlig überforderten Mutter geöffnet, die offenbar neben der Aufsicht ihrer schreienden Kinder keine Zeit für irgendetwas gehabt zu haben schien. Zumindest war weder die Wohnung geputzt, noch hatte sie selbst Zeit mit der eigenen Hygiene beziehungsweise ihrer Kinder verschwendet. Ich wies sie kurz auf „unser“ kleines Problem hin und erklärte ihr, dass es nicht ratsam wäre, weiterhin den Hausmüll in der Papiertonne zu versenken. Ihre Antwort darauf war verstörend einfach. Sie müsse ihre Haushaltsabfälle in diese Tonne werfen, weil die für den Restmüll bestimmte ja bereits voll sei. Dass diese nur so überfüllt war, weil sie selbst sich strikt weigerte, die Abfälle zu trennen – darauf schien die gute Frau beim allerbesten Willen nicht zu kommen. Im Gegenteil – als sie meine zornig, zuckende Nase sah, fügte sie fröhlich und versöhnlich lächelnd hinzu, dass sie immer etwas Papier zur Tarnung drüberlege, damit es nicht auffalle. Ich müsse mir also keine Sorgen machen, dass die Müllmänner etwas merken würden.
Ich kann es immer noch nicht glauben: Wo kommen solche Menschen her, wo wollen sie jemals hin? Fragen die sich vermutlich niemals klären. Ich überlasse die Suche nach der Antwort in Zukunft auch gerne den Personen, die sich damit auskennen: Was Sozialarbeiter können, können eben nur Sozialarbeiter!
Und – eine Zeitmaschine möchte ich niemals vor die Tür gestellt bekommen. Das Mittelalter lockt mich nicht und mir reicht das Chaos in meinem Mietshaus völlig. Und da ich nun sogar eine gewisse Vorstellung des möglichen Odeurs in der Luft habe, lehne ich dankend ab. Wer vergangene, schmutzige Epochen favorisiert, kann übrigens – schon mal zum eingewöhnen – ab sofort meine Wohnung mieten. Ich für meinen Teil, habe mich um eine neues Domizil bemüht und ziehe morgen aus!

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