Hinter den Spiegeln…
Hinter den Spiegeln ist es bestimmt wesentlich angenehmer als hier. Zwar muss man hin und wieder mit verrückten Hutmachern Teetrinken, Herzköniginnen bespielen und mit grinsenden Katzen plauschen – aber: Was bitte ist das im Vergleich zu echten Leben?
Als ich klein war, hatte ich eine klare Vorstellung von meiner Zukunft. Diese Idee wechselte zwar so ziemlich jeden zweiten Tag und von der Tierärztin bis zur Prinzessin war alles dabei, aber ich besaß zumindest kurzzeitig eine konkrete Vorstellung. Heute ertappe ich mich immer öfter dabei, absolut keinen Plan mehr zu haben. Mit dieser Orientierungslosigkeit tritt zudem immer öfter eine extreme Unlust zu Tage, der ich an manchen Tagen kaum noch Herr werden kann.
Du gehst arbeiten, weil du etwas bezahlen musst – du gehst nicht zum Arzt, weil du nicht fehlen darfst – du hast absolut keine Zeit wichtige Dinge zu erledigen, weil du einfach permanent einer Arbeit nachgehst, die dir keinen Spaß macht.
Aber: Das ist doch Schwarzmalerei, oder?
Die meisten Menschen geben mir auf solche Aussagen hin den Tipp, eine berufliche Neuorientierung anzustreben oder „mal was Neues“ auszuprobieren. Lustiger Weise sind jedoch eben jene, die immer die „besten“ Ratschläge auf Lager haben in Positionen, die ihnen ein Nachvollziehen der Lage unmöglich machen. Aber sie können ja nichts dafür.
Wenn ich einen schnurgeraden Lebenslauf hätte und in einer Branche arbeitete, in der man um acht Uhr morgens kommt und um fünf Uhr abends geht, würde mir vermutlich ebenfalls schlicht der Horizont fehlen, der zu echtem Verständnis der Lage von Nöten wäre.
Ich für meinen Teil, habe mein ganzes Leben lang in einem Milieu (anders kann man es nicht nennen) echter Ausbeutung gearbeitet und durfte die meiste Zeit über froh sein, überhaupt einen Job gefunden zu haben. Nun das Ratespiel: Du hast studiert, bist kreativ, kannst schreiben, 50 Arbeitsstunden in der Woche sind für dich wie Urlaub und betreust deine Kunden stets mit einem strahlenden Lächeln – für ein jämmerliches Gehalt. Wo arbeitest du wohl?
Ja klar – in den Medien! Wo denn sonst? Und eine Kleinigkeit hätte ich doch fast vergessen: Du bist jung! Dieser Umstand führte unlängst zu einer Situation, die ich eigentlich frühestens in zehn Jahren für möglich gehalten hätte. Ich war mal wieder auf Jobsuche und hatten auf etwa 40 Bewerbungen gerade mal drei Gespräche klarmachen können. Da wurde ich von einer Agentur eingeladen, die eine Texterin suchte. Als ich in dem engen Räumchen, das von dem komplett verglasten Flur abzweigte, auf meine Gesprächspartnerin wartete, wusste ich bereits, dass das Arbeitsklima hier agenturtypisch sein würde. Doch dann – als sich die Tür öffnete – traf mich fast der Schlag: Die Textchefin, süße 23 Jahre jung (wie sie bereits in den ersten Sätzen verlauten ließ), stellte sich mir vor und fragte mich völlig unverblümt, ob ich nicht denken würde, dass ich mit 30 vielleicht ein bisschen alt für den Job sei. Ich war nur einen kleinen Gedanken davon entfernt meinen Mund zu öffnen und ihr von meiner Anreise mit dem Rollator und dem Krückstock zu berichten und all die hilfsbereiten Mensch zu loben, die mir aus der S-Bahn geholfen haben – aber bitte, ich bleibe immer höflich.
Um diesen Glanz der Unwirklichkeit, der zu diesem Zeitpunkt in der Luft hing, zu erfassen, müssen Unwissende folgendes verstehen: In der Werbung macht der Texternachwuchs mit Studium zunächst - nach seinem Universitätsabschluss - drei bis vier mehrmonatige Praktika und danach noch ein mindestens zwei Jahre andauerndes Volontariat. Danach verdient er in etwa soviel wie eine Kassiererin bei einem Discounter und darf sich “Junior-Texter” nennen. Das daraus resultierende, finanzielle Desaster gibt natürlich niemand gerne zu, denn alle sind unendlich glücklich in den Medien oder der Werbung „arbeiten zu dürfen“. Da spielt das Gehalt eine untergeordnete Rolle – zunächst!
Doch irgendwann schleicht sich ein überaus hässliches Gefühl ein. Irgendwo hatte man doch auch noch ein Privatleben, oder? Und wäre es nicht unendlich attraktiv, den Eltern zur Abwechselung nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Ein Auto möchte schließlich getankt werden und ein Urlaub wäre auch nicht schlecht. Aber naja – den Urlaub kann man sowieso fast nie nehmen, denn man arbeitet ja eigentlich das ganze Jahr durch. Ich hatte sogar schon einmal einen Arbeitsvertrag, in dem ich verpflichtet wurde, über mein Handy auch während der gesamten Urlaubszeit erreichbar zu sein. Nachdem diese Möglichkeit der Kontaktaufnahme bereits in den ersten beiden Ferientagen derart Überhand nahm, dass allein meine Roaming-Gebühren einen bankrotten Telefonanbieter hätten nachhaltig gesunden lassen können, ging ich nicht mehr ran. Gepaart mit dem Umstand, dass ich bald darauf eine zeitlich unbegrenzte Wochenendarbeit verweigerte, hatte ich die Kündigung genau einen Monat später in der Hand.
Seit dem bin ich vielleicht ein bisschen sensibel… Aber ich bin ja selbst Schuld! Schließlich könnte ich ja mal was ganz anderes, was „Neues“, machen. Schade ist bloß, dass ich die letzten zehn Jahre genau das und nichts anderes gemacht habe.
Sicher ist auf jeden Fall, dass ich die Verfolgung eines weißen Kaninchens mit Taschenuhr durchaus sportlich nehmen würde. Und wer glaubt, dass ein Tränensee, maulende Tiere oder ein Kricketspiel mit wahnsinnigen Kartenspieldespoten Gründe zum Verzweifeln sind, hat vermutlich „Verwaltungsfachangestellte“ gelernt.
Liebe U.,
*seufz* hätten wir doch alle was anständiges gelernt *seufz*. Letzthin habe ich festgestellt, dass ein Straßenkehrer mehr verdient als ich nach dem Studium. Vielleicht ist es mit dem Traumjob genauso wie mit dem Traummann. Irgendwann trifft man ihn. Und dann schnell den Rolator gepackt und mit den dritten Zähnen festgebissen. Schließlich sind wir ja schon über 30 ;-). Zu allen dummen Ratschlägen dazu: Lass Dich nicht unterkriegen.
Deine T.
Comment von T. — 20. September 2008 @ 14:28