Sweet Touch by U.

7. April 2008

Stabilität im Leben durch engagierten Garderobendienst

Hose, Kleid oder doch lieber die bewährte Kombination aus Bluse und Rock? Pumps, Stiefel oder Halbschuhe? Natur- oder Knallfarben? Maxi oder Mini? Diese und viele weitere Fragen drehen sich munter in meinem Kopf umher, wenn ich versuche mir die Kleidung für meinen 30. Geburtstag herauszulegen. Man steht vor einer echten Herausforderung und denkt sich: “Mensch – das geht gar nicht! In diesem Fetzen sehe ich aus wie eine Wurst auf Beinen” oder “Und das hier – was hat mich damals wohl geritten diesen Fehlkauf zu tätigen”.
Während ich mich so in Gedanken versunken im Spiegel betrachte, fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Manche Sachen ändern sich nie!
Zufriedenheit – nicht nur hinsichtlich einer gelungenen Kleiderwahl - ist etwas, was man anderen gönnerhaft wünscht – zu den eigenen Tugenden zählt sie leider selten. Doch das gibt man selbstverständlich nicht zu und versenkt sich eifrig in die Welt der Ratgeberliteratur. Manchmal kommt einem dann vielleicht die Frage in den Sinn, was die Menschen wohl vorher gemacht haben, bevor Bestseller mit Titeln wie “Die Anleitung zum Glück” oder “So lieben Sie Ihr Leben” auf dem Markt erhältlich waren. Was hätten bloß all die esoterischen Hausfrauen, krisengeplagten Managertypen und unentschlossenen Berufsanfänger getan? Vermutlich auch nichts anderes als heute! Was schwarz auf weiß so verheißungsvoll an unsere inneren Wünsche appelliert, kann nur ein Produkt der Werbung sein. Wer als Autor so viel verspricht, nimmt den Mund unter Garantie zu voll, verschluckt sich und wird letzten Endes hustend alle Inhalte über den Tisch spucken. Pfui!
Obwohl dies natürlich eine wahrlich unschöne Vorstellung ist, beweist sie doch einiges:
Manche Sachen ändern sich – im Gegensatz zu meinem Garderobeverhalten - also doch!
Während mein Rock am Hintern leider nach fast einem Jahrzehnt immer noch kneift und damit zu der Gattung der sich “nicht ändernden Dinge” gehört, beschäftige ich mich mit 30 Jahren natürlich in erster Linie mit sehr viel existentielleren und wichtigeren Dingen als den kleinen Widrigkeiten des Lebens – das rede ich mir zumindest sehr erfolgreich ein. Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Karriereleiter, die man rauf und unerfreulicherweise auch runterfallen kann. Ein wichtiges Thema! Von älteren, weiseren Menschen hört man immer wieder den interessanten Ratschlag, man solle mit 30 an einem “gewissen” Punkt angekommen sein. Welcher Punkt das allerdings sein soll, verschweigen sie meist tapfer lächelnd. Nun gut – man kann sich ja vorstellen, was sie meinen. Man hat ja schließlich ein sehr gut funktionierendes Gehirn.
Lassen Sie mich nachdenken und im Geiste die kurze aber gewichtige Liste schnell durchgehen: Nein, ein Haus habe ich noch nicht gebaut – ähm, moment: Nein, Kinder sind auch nicht gezeugt worden – das hätte ich wohl mitbekommen. Die Sache mit der Baumanpflanzung lasse ich lieber von vorne herein weg – Erde unter den Fingernägeln ist nur schwer zu entfernen und ich habe zudem keinen grünen Daumen! Um es kurz zu machen - Ich bin bislang einfach zu beschäftigt, dafür zu sorgen, dass eben diese alten Menschen mit ihrer hilfreichen Lebenserfahrung eine schöne Rentenzeit genießen und den verdienten Lebensabend im idyllischen Weimar verbringen können, wo sie täglich Goethe und Schiller genießen und in einem Haus mit Pool wohnen. Wie gemein – so was darf man nicht schreiben!

Aber Spaß beiseite – Karriere zu machen ist ja auch nicht jedermanns Sache. Nicht umsonst bin ich derzeit stolzes Mitglied des 4K-Clubs, auch KKKK-Verein genannt. Wer in diese sonnig gestimmte Community eintreten möchte, muss nicht zwangsläufig mit brennenden Kreuzen hinter farbigen Mitbürgern und ethnischen Minderheiten herhetzen. Nein - viel mehr stehen die vier Buchstaben für die frohe Botschaft: Keine Kinder, keine Karriere! Klingt lustig und irgendwie auch sehr befreiend – da bleibt viel Zeit für gleichermaßen sinnlose wie farbenfrohe Ideen und reichlich Kreativität. Beides bleibt schließlich etwas auf der Strecke, wenn man sich zwischen Windeln, schreiendem Nachwuchs und nörgelnden Chefs zerteilen muss. Natürlich werden mir viele frisch gebackene Eltern berichten, dass es kaum etwas Besseres auf der Welt gibt, als die erfüllende Aufgabe der Kindererziehung, doch wer dieses „Glück“ nicht erlebt hat, kann es wohl irgendwie nicht nachvollziehen. Wie gut – dann muss ich keine Energie darauf verschwenden. Noch nicht!
Bis es soweit ist, fröne ich lieber noch ein bisschen der Leichtigkeit des Seins und all den Vorzügen, die sich daraus -mehr oder weniger- ergeben. Schließlich versucht sich meine Generation seit der Sache mit dem 2er-Golf, die in der Literatur hohe Wellen geschlagen hat, so gut wie es eben geht vom Ernst des Lebens zu befreien. So gesehen ist man in diesem 4K-Club eigentlich ziemlich gut aufgehoben. Fragt sich bloß wie lange noch. Leider verhält es sich mit diesen freiwilligen Mitgliedschaften nicht wie mit einem hässlichen Paar Schuhe und einer zu engen Bluse. Bei denen weiß schließlich man, was man hat – für immer: Nämlich ein paar hässliche Schuhe und eine Bluse, in die nicht die Hälfte von dem, was man hat, hineinpasst.
Die Einstellung dagegen, die man beispielsweise als Student noch so gerne knackig vor sich her getragen hat, ändert sich – mindestens so stark wie die kulinarischen Vorlieben, die man nach dem Studium entwickelt. Während es damals noch der Automatenkaffee zwischen den Vorlesungen sein durfte und eine Packung Schokokekse den Nachmittag bis zum Erwerb des ersten Bieres am Abend überbrücken konnte, sollte es heute schon etwas Bekömmlicheres sein. Ich meine: Welches kinderlose Paar ist noch nicht Basilikum schnippelnd, Trüffel rubbelnd und französischen Rotwein schlürfend durch die elegante Wohn-Küche getobt? Warum eine Umkehr zu höchst praktischer, aber ungesunder Kost? Schließlich kann man sich die Qualität, die ihrem Namen meistens keine Ehre macht, ja jetzt leisten – auch wenn die Preisanhebung bei den Milchprodukten sicherlich ein Thema wäre, das man einmal näher beleuchten und anschließend verdammen sollte.

Es ist erschreckend mitzuerleben wie man sich selbst ändert und wie man von anderen gesehen wird. Diese Einsicht hat schon so machen 29-Jährigen die Tränen in die Augen getrieben. Also ob Falten um die Mundwinkel, sich langsam einschleichende Gewichtsprobleme und so manches andere Zipperlein nicht schon reichten, um einem das Altern mies zu machen. Nein - schlimmer geht es bekanntlich immer. Man fühlt sich neben all diesen kleinen Unpässlichkeiten zusätzlich wie im Kontinuum der Midlife-Pubertät gefangen, in dem die wenigen Stabilität schaffenden Dinge, sich auf ein paar Klamotten, kleine bescheuerte Verhaltensweisen und ähnliches beschränken.

Doch ich will nicht alle Wände schwarz tünchen - zumindest weiß ich nun, was ich an meinem 30.Geburtstag anziehen möchte. Ein kleiner Erfolg in Mitten der Misere - der übrigens laut Ratgeberliteratur sehr positive Effekte nach sich ziehen soll!
Neugierig?
Es wird das rote Samtkleid mit dem schnuckeligen Brandfleck am Rücken sein, den man nur sieht, wenn man ganz genau hinschaut. Es war schon immer mein Lieblingskleid und manche Sachen ändern sich wie glücklicherweise nie – und das ist doch sehr beruhigend, oder?

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