Sweet Touch by U.

8. April 2008

Shopping für Fortgeschrittene: Ein Brautkleid, bitte!

Jedes “Mädchen” träumt davon – von dem romantischen, weltbewegenden Tag ihrer Hochzeit. Nun ist es natürlich ganz klar, dass abgewetzte Jeans und T-Shirts vor dem Traualtar zu den eher unpassenden Kleidungsstücken gehören. Nein – es muss schon ein Kleid sein, das alle alten Tanten zu Tränen rührt und den Brautjungfern den blanken Neid ins Gesicht treibt. So zumindest wird es von einem erwartet – ob man sich das selbst so vorgestellt hat, tut erstmal nichts zur Sache. Außerdem fehlt schlicht die Zeit, sich eigene Gedanken zu machen. Die Organisation muss beginnen!

Jede Frau, die sich nassforsch denkt, eine Hochzeitsplanung sei ja wohl nicht schwerer als die Realisierung eines wissenschaftlichen Kongresses, wird bereits nach den ersten ernst zu nehmenden “Hürden” auf dem Weg zum romantischsten aller Tage eines besseren belehrt.
So zum Beispiel muss betont werden, dass es wesentlich leichter ist, einen Kleinwagen zu kaufen, als ein Brautkleid. Ich spreche aus Erfahrung!
Während man im ersten Fall ganz spontan ein Autohaus besucht, eine Probefahrt hinter sich bringt und die Kreditkarte zückt, gestaltet sich die Sache mit dem Kleid schon wesentlich anspruchsvoller. In den einschlägigen Brautmodegeschäften gilt: Um Terminabsprache wird gebeten! Aber nein – es wird gar nicht darum gebeten, es ist Pflicht! Nun gut, denkt sich die moderne Braut und greift zum Telefon – was sein muss, muss eben offenbar sein.

Mit dem Besuch des Geschäftes wird jedoch ein weiterer Unterschied zum vergleichsweise stressfreien Autokauf klar. Während Verkäufer fahrbarer Untersätze meist schnittige, unkomplizierte Typen sind, wird man in einem Brautmodengeschäft meist von einer älteren Dame, Marke Schwiegermutter, belauert. Diese möchte nun wissen wie sich die Braut das Kleid denn nun vorgestellt hat. Wehe jener Frau, die sich vorher keine Bleistiftskizzen gemacht oder zumindest Fotos aus Brautmagazinen ausgeschnitten hat! Denn während in einem Autohaus verschiedene Modelle zur Ansicht herumstehen und Anfassen durchaus erwünscht ist, erweist sich dieses vertraute Verfahren bei einem Kleid für den “schönsten Tag des Lebens” als unmöglich realisierbar.

Nein, die Braut in spe befindet sich plötzlich in der komplizierten Situation, einer brotdummen Person erklären zu müssen wie das gewünschte Kleid aussehen könnte. Die Betonung liegt hier auf dem kleinen, aber keineswegs unbedeutenden Wort “könnte”. Denn ob ein entsprechendes Modell überhaupt existiert, weiß man in der Regel nicht. Anschauen und Anfassen ist ohne betreuendes Personal nicht erlaubt. Alle Kleider sind aus Angst vor hässlichen kleinen Schmutzflecken im Lager verstaut und müssen von eben jener Einzelhandelskauffrau aus dem Lager geholt werden, der man im “echten” Leben nicht einmal die Auswahl der passenden Schuhe zugetraut hätte. Sie ist es dann auch, die mit der jungen Frau zusammen die Umkleidekabine betritt und ihr Opfer unter knappen, harsch anmutenden Einweisungen in das pompöse Kleid stopft.
Damit sei nun jede Frau gewarnt, die dachte, es wäre “kein Thema” ein Brautkleid zu kaufen.

Zu diesen Schwierigkeiten addiert sich die kapriziöse Natur der Damen, die in Brautmodengeschäften arbeiten. Ein Autoverkäufer ist zwar oft etwas einfacher strukturiert, versucht aber doch erfrischend flott daher zu kommen und dem Kunden ein positives “Feeling” zu vermitteln. Schließlich ist ein Auto mehr als ein Fortbewegungsmittel, es geht um ein lustvolles Lebensgefühl – das behauptet zumindest der gut geschulte “ehrliche Kaufmann”.
Nicht so die matronenhafte Brautkleidverkäuferin! Sie weiß, was für die Kundin gut ist, wird bei Protest dagegen plötzlich auf beiden Ohren taub und schüchterne Bräute, die ihren Willen nicht durchsetzen können, sind modisch gesehen innerhalb kürzester Zeit verloren. Wagt es eine Frau, sich selbstbewusst dem “guten Geschmack” der Verkäuferin zu widersetzen, wird die Konversation schon recht schnell unterhalb der Gürtellinie geführt. “Ach sie mögen diesen Schnitt! Der steht ihnen aber gar nicht, mit ihren breiten Hüften!” oder “Ich würde in Kleid mit breiten Trägern nehmen und vielen, vielen Rüschen – da sieht man nicht, dass sie kaum Oberweite besitzen!” – doch dies sind nur Auszüge aus sich ergebenden Verkaufsgesprächen der besonderen Art.

Es ist Krieg und nur eine kann ihn gewinnen! Wenn die erschöpfte Kundin nun endlich ein Kleid gefunden und ihren Willen nach zermürbenden Diskussionen durchgesetzt hat, ist der Einkaufsbummel natürlich noch längst nicht zu Ende. Zu früh gefreut! Denn, was ist schon ein Kleid ohne die passenden Schuhe, die farblich perfekte Handtasche, gut sitzende Strümpfe und die Unterwäsche.
Auch an den Bräutigam muss zu guter Letzt noch gedacht werden. Erstaunt wird man von der Verkäuferin – die mittlerweile zu Hochtouren aufgelaufen ist – darüber aufgeklärt wie die korrekte Vorgehensweise aussieht. Wurde beispielsweise ein cremefarbenes Kleid ausgesucht, muss das Hemd des Zukünftigen natürlich dazu passen. Völlig schmerzfrei denkt sich die Braut – na gut, cremeweiß muss dann eben auch die Oberbekleidung des Herren sein. Doch weit gefehlt! Es gäbe, so tönt die beratende Dame, zehn verschiedene Varianten des Farbtones und nur eine einzige passe ganz sicher zum Kleid. Wer hätte das gedacht?
Hat die zukünftige Braut es nach zwei Stunden, völlig erschöpft, bis zur Kasse geschafft, wünscht sie sich – so viel ist sicher – zwei Wochen Urlaub!

Doch die bekommt sie natürlich nicht. Schließlich muss das Kleid noch geändert, der Catering-Service ausgesucht, der DJ verpflichtet, der Raum gemietet, Einladungen verschickt und das Hotel gebucht werden.
Zum Glück hat nie jemand behauptet, dass es leicht wäre eine Hochzeit zu planen.

Er hätte glatt gelogen!

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