Sweet Touch by U.

14. April 2008

Gekauft wie gesehen

Jeder Mensch kommt früher oder später an den Punkt, an dem er wählen muss, ob er weiter brav seine überteuerte Miete zahlen, oder einen ebenso hohen Betrag der Bank zwecks Immobilienerwerb in den Rachen werfen möchte. Letzteres schien mir die attraktivere Art mein Geld loszuwerden und ich begann verstärkt mit den Recherchen.

Da es leider schier unmöglich ist, eine Immobilie von einem Privatmann zu kaufen, nahm ich Kontakt zum Makler auf. Dieses selbstständige Verkaufsgenie hatte doch immerhin das Foto eines hübschen Häuschens ins Internet gestellt und einen fehlerfreien Anzeigentext verfasst – gar nicht schlecht für seine Zunft.

Es dauerte nicht lange und ich bekam einen Besichtigungstermin. Natürlich wurde mir bereits am Telefon erklärt, dass schon wahre Besuchermassen durch das Haus geströmt seien und mir nicht viel Zeit für eine Entscheidung bliebe. Klar, wäre doch auch viel schöner, wenn eine Käufer nun antworten würde: “Ach lieber Herr Makler, jetzt wo sie das so sagen, entscheide ich mich natürlich gleich dafür, das Haus zu kaufen. Gesehen habe ich es zwar noch nicht, sie sind mir aber so sympathisch, da werde ich gleich mal zuschlagen!”
Doch so haben wir nicht gewettet! Ich dachte mir, dass der gute Mann nun auch einmal etwas für sein Geld tun müsse – abgesehen von der Bildbearbeitung für das Internet – und forderte unbeirrt mein Treffen zur Besichtung ein.

So fand ich mich nach der Arbeit auf dem Parkplatz des begehrten Objektes ein und gab einem feist grinsenden, fettleibigen Mann die Hand, der genauso aussah wie er am Telefon klang – oje, ein Albtraum. Nun begann unsere Tour durch das “Schnäppchen” dass eigentlich jeder “westlich von Moskau” - wie der Makler nicht müde wurde zu betonen - gerne sein eigen nennen wollen würde. Da macht es doch auch gar nichts, dass keine baulichen Gutachten für das “Schmuckstück” existieren, der Energiepass fehlt, eine Sickergrube im Garten einfach mal zugeschüttet wurde und der Dachstuhl aussieht, als hätte es vor nicht allzu langer Zeit gebrannt. Das sind doch alles Kleinigkeiten. Für handwerklich Begabte die ideale Immobilie…

Mein Highlight war der Keller! Die Decken waren so niedrig, dass ich in dem Gewölbe kaum aufrecht stehen konnte und die Wände starrten regelrecht vor Schimmel. Ob dieses “Loch” denn nicht vielleicht ein klitzekleines bisschen feucht sei, fragte ich. Nun, antwortete der Makler, selbstverständlich wäre es das, denn nur so könne man den Wein ordentlich lagern. Dabei zeigte er auf ein paar völlig verdreckte, angesiffte Flaschen, die an einer schwarz bepilzten Wand lehnten. Als ich ihn höflich darauf hinwies, dass ich meinen Wein eigentlich – beim Anblick dieses Verhaus – lieber in der Küche lagern würde, wurde der Kerl nun auch noch richtig unverschämt. Bei einem Preis von 150.000 Euro dürfe man ja wohl nicht zu viel erwarten! Was ich mir denn einbilden würde.

Ganz einfach – ich bilde mir ein, dass ich mir keine Immobilie mit Sickergrube, Tauben im Dachstuhl, Schimmel im Keller und vielen anderen “interessanten” Dingen zulegen möchte. Das wird doch wohl noch erlaubt sein, oder?

1 Kommentar »

  1. [...] über all das, was den Alltag bereichert oder auch mal unerträglich macht. Letzteres ist wohl beim heutigen Eintrag zum Thema Freuden des Hauskaufs der Fall gewesen. Einfach mal [...]

    Pingback von Sweet touches by U. — almost a diary — Tobias Schwarz’s thoughts, opinions, and ideas of the moment — 14. April 2008 @ 23:31

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