Sweet Touch by U.

24. September 2008

Schenk mir bitte keine Zeitmaschine!

Er ist dreckig, stinkt und ist ganz und gar nicht hübsch anzusehen – Müll ist eben Müll! Als Person, die eine westlich, fortschrittliche Sozialisation genossen hat, habe ich zugegebenermaßen ein sehr unnatürliches, ablehnendes Verhältnis zu meinen Abfällen. Sobald ich etwas weggeworfen habe, möchte ich damit schlicht und einfach nicht mehr konfrontiert werden. Dies lässt sich zwar manchmal nicht vermeiden: man bedenke den grässlichen Fruchtfliegenalarm, wenn der Biomüll im Eimer vergessen wurde oder den unschönen gelben Sack, der in Ermangelung eines eigenen Gartens meist in der Wohnung oder auf dem Balkon bis zur Abholung lagert – doch trotzdem gilt: Nein, ich befasse mich nicht gern mit Müll. Wer tut das schon?
Nun, es gibt zumindest offenbar einige Menschen, denen er nicht das Geringste auszumachen scheint. Neulich auf einem Mittelaltermarkt schwärmte eine Dame in höchst abenteuerlicher Gewandung von der „echten Schönheit“ des Mittelalters. Damals sei alles so einfach, bodenständig und natürlich gewesen. Nun – das mag stimmen, doch ich habe andere Bilder vor Augen, wenn ich an diese Epoche denke. Sickergruben, Plumpsklos, Dreck- und Müllberge soweit das Auge reicht. Oh, und fast hätte ich die Ratten und die Pest vergessen. Zum Glück bin ich zumindest so phantasielos, dass ich mir den authentischen infernalisch-miasmatischen Geruch nicht ausmalen kann. Als ich, verstört von dieser furchtbaren Vision, meine Meinung zu diesem Gesprächsthema Kund tat, begegnete man mir lediglich empört und mit hochgezogenen Augenbrauen, worauf ich mich gekränkt verbal zurückhielt.
Ich kann mir jedoch bei aller Verkleidung und Verblendung nicht vorstellen, dass eben jene Gesprächspartnerin Spaß an mittelalterlichen Zuständen auf ihrem eigenen Grund und Boden hätte. Ganz im Gegenteil übrigens zu meinem neuen Nachbarn. Der Mann von dem hier die Rede ist, zog vor etwa einem Monat in die Wohnung über mir ein und tat seitdem sein Möglichstes das Mittelalter in unserem Haus und vor allem auf dem Hofgelände wieder auferstehen zu lassen. Bei diesem „Projekt“ – das ihm offenbar viel bedeutet – wird er von seiner Frau und seinen drei Kindern tatkräftig unterstützt.
Fest steht: An dem Verhalten dieser Familie dürfte jeder übereifrige Sozialarbeiter seine helle Freude haben. Mir war es zu Beginn völlig unverständlich wie man in unserer fortschrittlichen und planbaren Lebenswelt aufwachsen kann, ohne die alltägliche Mülltrennung zu beherrschen. Ich gehöre sicherlich nicht zu dem Menschen, die liebevoll ihren Joghurtbecher mit heißem Wasser abzuspülen und ihn dann auch noch abtrocknen bevor sie ihn entsorgen, und hin und wieder ertappe ich mich auch bei Gedankengängen, die einem eher durchschnittlich ausgeprägten Umweltbewusstsein entsprechen – doch im Gegensatz zu dieser Familie bin ich ein waschechter Hygiene-Pedant. Aber was tun, wenn eine Person in das Haus einzieht und plötzlich, liebevoll ausgedrückt, mittelalterliche Zustände herrschen? An dieser Stelle sei jeder gewarnt, der aus Bequemlichkeit den Erwerb von Eigentum scheut. Es lohnt sich! Denn: Wer zur Miete lebt, muss sich eben irgendwie arrangieren.
Gesagt, getan – obwohl ich kein motivierter Mitarbeiter eines sozialen Dienstes bin, hatte ich mir an einem sonnigen Nachmittag vorgenommen, meinen Mitmietern die Welt zu erklären. Mit einem braunen Biomülltüte und einem gelben Sack bewaffnet, klingelte ich an der Tür der Nachbarn. Mir wurde von einer völlig überforderten Mutter geöffnet, die offenbar neben der Aufsicht ihrer schreienden Kinder keine Zeit für irgendetwas gehabt zu haben schien. Zumindest war weder die Wohnung geputzt, noch hatte sie selbst Zeit mit der eigenen Hygiene beziehungsweise ihrer Kinder verschwendet. Ich wies sie kurz auf „unser“ kleines Problem hin und erklärte ihr, dass es nicht ratsam wäre, weiterhin den Hausmüll in der Papiertonne zu versenken. Ihre Antwort darauf war verstörend einfach. Sie müsse ihre Haushaltsabfälle in diese Tonne werfen, weil die für den Restmüll bestimmte ja bereits voll sei. Dass diese nur so überfüllt war, weil sie selbst sich strikt weigerte, die Abfälle zu trennen – darauf schien die gute Frau beim allerbesten Willen nicht zu kommen. Im Gegenteil – als sie meine zornig, zuckende Nase sah, fügte sie fröhlich und versöhnlich lächelnd hinzu, dass sie immer etwas Papier zur Tarnung drüberlege, damit es nicht auffalle. Ich müsse mir also keine Sorgen machen, dass die Müllmänner etwas merken würden.
Ich kann es immer noch nicht glauben: Wo kommen solche Menschen her, wo wollen sie jemals hin? Fragen die sich vermutlich niemals klären. Ich überlasse die Suche nach der Antwort in Zukunft auch gerne den Personen, die sich damit auskennen: Was Sozialarbeiter können, können eben nur Sozialarbeiter!
Und – eine Zeitmaschine möchte ich niemals vor die Tür gestellt bekommen. Das Mittelalter lockt mich nicht und mir reicht das Chaos in meinem Mietshaus völlig. Und da ich nun sogar eine gewisse Vorstellung des möglichen Odeurs in der Luft habe, lehne ich dankend ab. Wer vergangene, schmutzige Epochen favorisiert, kann übrigens – schon mal zum eingewöhnen – ab sofort meine Wohnung mieten. Ich für meinen Teil, habe mich um eine neues Domizil bemüht und ziehe morgen aus!

23. September 2008

Ich google dich und sag dir, wer du bist…

Wer bin ich? Findest du etwas im Netz über meine Person? Bin ich, die, die ich zu sein scheine? Reichen die Ergebnisse aus, mich zu beurteilen?

Datenschützer wissen schon, warum sie die Menschen schier unermüdlich davor warnen, allzuviele Details von sich im Internet preiszugeben. Ohne Erfolg - wie wir alle wissen. Denn während sich noch so mancher unschuldige Irre lustige Homepages mit Self-HTML erstellt und denkt, diese seien ja sowieso nur für seine Freunde gedacht, sitzen andere schon längst vor dem Rechner und begutachten milde lächelnd die vermeintlich privaten Fotos. Andere geben Ihre privaten Adressen und Telefonnumern auf Ihrer Seite an und erstellen den Content mit den Fotos vom letzten FKK-Urlaub. Hier gilt der gute alte Spruch: “Kann mann machen - muss man aber nicht!” Zum Glück!

Ja - es ist eine Art Sport geworden, möglichst viel über noch unbekannte Personen herauszufinden. Doch ist alles, das man im Netz findet auch aussagekräftig? Kann man Google trauen? Vor dieser Frage standen meine Kollegen und ich, als es galt eine Stelle im Unternehmen neu zu besetzen. Letztlich sollten fünf Bewerber eingeladen werden und die Wahl fiel nicht besonders leicht. Da meinte plötzlich jemand: “Googel doch mal..”.

Alle Beteiligten zeigten sich sofort von der Idee begeistert und wir waren derart investigativ entflammt, dass so mancher Bildzeitungsjournalist vermutlich blass geworden wäre. Der Spieltrieb brach aus! Klar - zuerst google ich, dann grabe ich mich durch Studivz, Facebook und Xing; zu guter Letzt wurde sogar die Wunschliste bei Amazon durchkämmt. Nun hatten wir jede Menge Informationen, aber so wirklich half uns dies nicht weiter…

Ist jemand der “5o Cent” hört und sich eine CD bestellt hat, ein guter Mitarbeiter oder einfach intellektuell bescheiden? Kann eine Frau, die in der Community der Gruppe “Das Niveau ist gerade unters Bett gekrabbelt und heult”, wirklich die richtige Person für die Veranstaltungsorganisation im Hause sein? Und zeugen Bikinifotos im Netz nicht von mangelnder Medienkompetenz?

Wir kamen mit unseren Recherchen irgendwie nicht so recht weiter. Da hatte ein weiterer Kollege die rettende Lösung! Vielleicht sollten wir uns einfach noch einmal die Qualifikationen und Anschreiben in den Mappen zu Gemüte führen; quasi - die Retro-Tour durchlaufen.

Und da kam es heraus: Die Dame mit der musikalischen Begeisterung für US-Rapper brillierte durch das Andienenen Ihrer “volllständigen” Unterlagen (so vollständig hätten wir sie nicht gebraucht) und jene mit dem Niveauproblem war nicht in der Lage einen chronologischen Lebenslauf zu erstellen. Zu der Erkenntnis, dass beide nicht besonders begabt zu seien scheinen, hätten wir schon etwa eine Stunde vorher kommen können.

Bleibt mir nur noch zu bemerken: “Zu früh gegoogelt, meine Damen!”

19. September 2008

Hinter den Spiegeln…

Hinter den Spiegeln ist es bestimmt wesentlich angenehmer als hier. Zwar muss man hin und wieder mit verrückten Hutmachern Teetrinken, Herzköniginnen bespielen und mit grinsenden Katzen plauschen – aber: Was bitte ist das im Vergleich zu echten Leben?

Als ich klein war, hatte ich eine klare Vorstellung von meiner Zukunft. Diese Idee wechselte zwar so ziemlich jeden zweiten Tag und von der Tierärztin bis zur Prinzessin war alles dabei, aber ich besaß zumindest kurzzeitig eine konkrete Vorstellung. Heute ertappe ich mich immer öfter dabei, absolut keinen Plan mehr zu haben. Mit dieser Orientierungslosigkeit tritt zudem immer öfter eine extreme Unlust zu Tage, der ich an manchen Tagen kaum noch Herr werden kann.

Du gehst arbeiten, weil du etwas bezahlen musst – du gehst nicht zum Arzt, weil du nicht fehlen darfst – du hast absolut keine Zeit wichtige Dinge zu erledigen, weil du einfach permanent einer Arbeit nachgehst, die dir keinen Spaß macht.

Aber: Das ist doch Schwarzmalerei, oder?

Die meisten Menschen geben mir auf solche Aussagen hin den Tipp, eine berufliche Neuorientierung anzustreben oder „mal was Neues“ auszuprobieren. Lustiger Weise sind jedoch eben jene, die immer die „besten“ Ratschläge auf Lager haben in Positionen, die ihnen ein Nachvollziehen der Lage unmöglich machen. Aber sie können ja nichts dafür.

Wenn ich einen schnurgeraden Lebenslauf hätte und in einer Branche arbeitete, in der man um acht Uhr morgens kommt und um fünf Uhr abends geht, würde mir vermutlich ebenfalls schlicht der Horizont fehlen, der zu echtem Verständnis der Lage von Nöten wäre.

Ich für meinen Teil, habe mein ganzes Leben lang in einem Milieu (anders kann man es nicht nennen) echter Ausbeutung gearbeitet und durfte die meiste Zeit über froh sein, überhaupt einen Job gefunden zu haben. Nun das Ratespiel: Du hast studiert, bist kreativ, kannst schreiben, 50 Arbeitsstunden in der Woche sind für dich wie Urlaub und betreust deine Kunden stets mit einem strahlenden Lächeln – für ein jämmerliches Gehalt. Wo arbeitest du wohl?

Ja klar – in den Medien! Wo denn sonst? Und eine Kleinigkeit hätte ich doch fast vergessen: Du bist jung! Dieser Umstand führte unlängst zu einer Situation, die ich eigentlich frühestens in zehn Jahren für möglich gehalten hätte. Ich war mal wieder auf Jobsuche und hatten auf etwa 40 Bewerbungen gerade mal drei Gespräche klarmachen können. Da wurde ich von einer Agentur eingeladen, die eine Texterin suchte. Als ich in dem engen Räumchen, das von dem komplett verglasten Flur abzweigte, auf meine Gesprächspartnerin wartete, wusste ich bereits, dass das Arbeitsklima hier agenturtypisch sein würde. Doch dann – als sich die Tür öffnete – traf mich fast der Schlag: Die Textchefin, süße 23 Jahre jung (wie sie bereits in den ersten Sätzen verlauten ließ), stellte sich mir vor und fragte mich völlig unverblümt, ob ich nicht denken würde, dass ich mit 30 vielleicht ein bisschen alt für den Job sei. Ich war nur einen kleinen Gedanken davon entfernt meinen Mund zu öffnen und ihr von meiner Anreise mit dem Rollator und dem Krückstock zu berichten und all die hilfsbereiten Mensch zu loben, die mir aus der S-Bahn geholfen haben – aber bitte, ich bleibe immer höflich.

Um diesen Glanz der Unwirklichkeit, der zu diesem Zeitpunkt in der Luft hing, zu erfassen, müssen Unwissende folgendes verstehen: In der Werbung macht der Texternachwuchs mit Studium zunächst - nach seinem Universitätsabschluss - drei bis vier mehrmonatige Praktika und danach noch ein mindestens zwei Jahre andauerndes Volontariat. Danach verdient er in etwa soviel wie eine Kassiererin bei einem Discounter und darf sich “Junior-Texter” nennen. Das daraus resultierende, finanzielle Desaster gibt natürlich niemand gerne zu, denn alle sind unendlich glücklich in den Medien oder der Werbung „arbeiten zu dürfen“. Da spielt das Gehalt eine untergeordnete Rolle – zunächst!

Doch irgendwann schleicht sich ein überaus hässliches Gefühl ein. Irgendwo hatte man doch auch noch ein Privatleben, oder? Und wäre es nicht unendlich attraktiv, den Eltern zur Abwechselung nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Ein Auto möchte schließlich getankt werden und ein Urlaub wäre auch nicht schlecht. Aber naja – den Urlaub kann man sowieso fast nie nehmen, denn man arbeitet ja eigentlich das ganze Jahr durch. Ich hatte sogar schon einmal einen Arbeitsvertrag, in dem ich verpflichtet wurde, über mein Handy auch während der gesamten Urlaubszeit erreichbar zu sein. Nachdem diese Möglichkeit der Kontaktaufnahme bereits in den ersten beiden Ferientagen derart Überhand nahm, dass allein meine Roaming-Gebühren einen bankrotten Telefonanbieter hätten nachhaltig gesunden lassen können, ging ich nicht mehr ran. Gepaart mit dem Umstand, dass ich bald darauf eine zeitlich unbegrenzte Wochenendarbeit verweigerte, hatte ich die Kündigung genau einen Monat später in der Hand.

Seit dem bin ich vielleicht ein bisschen sensibel… Aber ich bin ja selbst Schuld! Schließlich könnte ich ja mal was ganz anderes, was „Neues“, machen. Schade ist bloß, dass ich die letzten zehn Jahre genau das und nichts anderes gemacht habe.

Sicher ist auf jeden Fall, dass ich die Verfolgung eines weißen Kaninchens mit Taschenuhr durchaus sportlich nehmen würde. Und wer glaubt, dass ein Tränensee, maulende Tiere oder ein Kricketspiel mit wahnsinnigen Kartenspieldespoten Gründe zum Verzweifeln sind, hat vermutlich „Verwaltungsfachangestellte“ gelernt.

15. April 2008

Ich bin - verdammt nochmal - eine gute Hausfrau!

Man kann nicht alles haben. Oder etwa doch? Eigentlich darf ich es ja gar nicht zu laut sagen, doch im Grunde meines Herzens bin ich ein Fan der “traditionellen” Rollenverteilung.

Deshalb möchte ich auch – zumindest hin und wieder – eine perfekte Hausfrau sein und all das tun, was Frauen auf die Reihe bekommen, die ihre 40-Stunden-Woche zu Hause und nicht im Büro verbringen.
Als mich neulich wieder einmal ein hausmütterlicher Anfall heimsuchte, beging ich als erstes mit Argusaugen meine Wohnung und fragte danach meinen Freund: “Schatz – findest du es hier irgendwie dreckig?” Er antwortet mit den Worten: “Naja – wir müssen beide arbeiten und sind doch kaum zu Hause. Da kann man eben manchmal nicht vom Boden essen!”

Was aber, denke ich mit gekränkter Mine, wenn ich wahnsinnig gern mein Dinner auf dem Parkett einnehmen würde? Seine harte, aber genau betrachtet ehrliche Antwort, reicht zumindest aus, um mich wieder einmal beseelt von guten Vorsätzen zum Putzeimer greifen zu lassen. Ich bin zwar hundemüde und dunkel ist es draußen auch schon, aber so ein kleiner Budenschwung ist ja wohl noch drin. Man ist ja nicht faul!
Gerade will ich zum Putzmittel greifen, da merke ich, dass ich vergessen habe welches zu kaufen. Der geöffnete Unterschrank der Spüle grinst mich mit gähnender Leere höhnisch an. Gut, ich nehme die Herausforderung an, denke ich mir, und bevor mein Freund fragen kann, was ich vorhabe, bin ich auch schon durch die Tür. Mein Ziel – ganz klar – der nächste Supermarkt. Immerhin haben wir in Deutschland mittlerweile arbeitnehmerfreundliche Öffnungszeiten, die es auszunutzen gilt.

Viertel nach acht hechte ich demnach durch die langen Regalreihen des Einkaufsparadieses. Ein bisschen genervt bin ich schon, schließlich hat man um diese Zeit in der Regel besseres zu tun. Das denkt sich anscheinend auch die nette Dame, die sich hinter mir vorbeidrücken möchte und mir dabei ihre Handtasche mutwillig um die Ohren haut. Mein reflexartig ausgerufenes “Autsch!” bewirkt in jedem Fall einen heftigen Wutausbruch bei ihr. Ob ich nicht besser aufpassen könnte, kreischt sie und ob ich mal ein bisschen Platz machen könnte. Andere Leute wollten schließlich auch an das Regal. “Nein gute Frau, das kann ich nicht”, erwiderte ich kampflustig, “Ich muss als “gute” Hausfrau die vielen verschiedenen mir zur Verfügung stehenden Putzmittel auf ihre ökologische Tauglichkeit überprüfen. Das gehört zu meinen Pflichten und kann schon mal dauern.”

Die aggressive Frau scheint mir keine besonders engagierte Hausfrau zu sein. Sie vergleicht weder die Preise, noch hat sie eine Einkaufsliste in der Hand und mit Bedacht erledigt sie die Produktauswahl auch nicht gerade. Im Gegenteil - mit vollen Händen grabscht sie wie von Sinnen Produkte aus den Regalen und wirft sie in den schon bedenklich übervollen Einkaufswagen. Jeder so wie er kann denke ich mir und versuche mich nicht zu sehr von ihrer aggressiven Stimmung mitreißen zu lassen. Immerhin bin ich auch müde und habe eigentlich wenig Lust meinen Feierabend in einem Supermarkt zu verbringen, während andere schon bequem vor dem Fernseher sitzen und sich mit glänzenden Augen ein Gläschen Wein gönnen. Vielleicht bin ich ja wirklich nicht die Schnellste. Ich lege demnach einen Zahn zu und versuche eben noch “geschwind” die Mehrweg-Flaschen abzugeben.

Diesen Gedanken scheint in jedem Fall die halbe Stadt gehabt zu haben und vor den Automaten stehen meterlange Schlangen. Es riecht geradezu miasmatisch nach ausgelaufenem, altem Bier, und langsam kriecht auch in mir eine klitzekleine Wut empor. Ein Gerät ist kaputt und vor dem anderen steht eine Frau mit zwei Kleinkindern. In aller Seelenruhe erklärt sie dem Nachwuchs höchst pädagogisch wie ein Pfandrückgabeautomat funktioniert und hebt abwechselnd das Mädchen und den Jungen hoch, damit die beiden das Gelernte gleich einmal selbst umsetzen. Das klappt natürlich nicht, abwechseln lassen die Plagen die Flaschen fallen und schließlich beginnen sie wie nicht anders zu erwarten infernalisch zu heulen. Da kommt Freude auf!

Entnervt lasse ich von meinem Vorhaben ab und verlasse den Getränkebereich. Jetzt muss ich mit meinem Putzmittel “nur” noch zur Kasse. Ein Slalom beginnt. Ich kämpfe mich an Menschen mit sperrigen Einkaufswagen vorbei, die mitten im Weg stehen, schiebe mich an einigen Leuten vorbei, die ihre Unterhaltungen offenbar lieber im Einkaufszentrum als zu Hause oder in der Kneipe abhalten. Ein Albtraum!

An der Kasse angekommen bemerke ich, dass sich die Verkäuferin ähnlich phlegmatisch wie eine Sau aus einem Achtlingswurf bewegt und es wohl noch etwas dauern wird, bis ich mein Geld loswerden darf – um genau zu sein Stunden! Meine Armbanduhr zeigt mittlerweile 21 Uhr an und ich tobe innerlich. Da will man einmal ordentlich sein, seine Wohnung putzen wie eine glückliche Hausfrau und alles scheint sich gegen einen verschworen zu haben.

Als ein Mann hinter mir – vom Stress des abendlichen Einkaufs offenbar entkräftet – auch noch einen Becher Sahne fallen lässt und mir meine Hosenbeine verdreckt, reicht es mir. Ich stelle das Putzmittel in das nächst beste, kassennahe Regal und drängele mich genervt, schmutzig und vor allem unverrichteter Dinge in Richtung Ausgang. So enden meine Ausflüge ins Hausfrauendasein eigentlich immer und genau aus diesem Grund kann man auch bei mir zu Hause nie vom Boden essen. Aber das macht nichts: Am Tisch, mit Teller, Messer und Gabel hat ein Dinner ja auch seinen Reiz!

14. April 2008

Gekauft wie gesehen

Jeder Mensch kommt früher oder später an den Punkt, an dem er wählen muss, ob er weiter brav seine überteuerte Miete zahlen, oder einen ebenso hohen Betrag der Bank zwecks Immobilienerwerb in den Rachen werfen möchte. Letzteres schien mir die attraktivere Art mein Geld loszuwerden und ich begann verstärkt mit den Recherchen.

Da es leider schier unmöglich ist, eine Immobilie von einem Privatmann zu kaufen, nahm ich Kontakt zum Makler auf. Dieses selbstständige Verkaufsgenie hatte doch immerhin das Foto eines hübschen Häuschens ins Internet gestellt und einen fehlerfreien Anzeigentext verfasst – gar nicht schlecht für seine Zunft.

Es dauerte nicht lange und ich bekam einen Besichtigungstermin. Natürlich wurde mir bereits am Telefon erklärt, dass schon wahre Besuchermassen durch das Haus geströmt seien und mir nicht viel Zeit für eine Entscheidung bliebe. Klar, wäre doch auch viel schöner, wenn eine Käufer nun antworten würde: “Ach lieber Herr Makler, jetzt wo sie das so sagen, entscheide ich mich natürlich gleich dafür, das Haus zu kaufen. Gesehen habe ich es zwar noch nicht, sie sind mir aber so sympathisch, da werde ich gleich mal zuschlagen!”
Doch so haben wir nicht gewettet! Ich dachte mir, dass der gute Mann nun auch einmal etwas für sein Geld tun müsse – abgesehen von der Bildbearbeitung für das Internet – und forderte unbeirrt mein Treffen zur Besichtung ein.

So fand ich mich nach der Arbeit auf dem Parkplatz des begehrten Objektes ein und gab einem feist grinsenden, fettleibigen Mann die Hand, der genauso aussah wie er am Telefon klang – oje, ein Albtraum. Nun begann unsere Tour durch das “Schnäppchen” dass eigentlich jeder “westlich von Moskau” - wie der Makler nicht müde wurde zu betonen - gerne sein eigen nennen wollen würde. Da macht es doch auch gar nichts, dass keine baulichen Gutachten für das “Schmuckstück” existieren, der Energiepass fehlt, eine Sickergrube im Garten einfach mal zugeschüttet wurde und der Dachstuhl aussieht, als hätte es vor nicht allzu langer Zeit gebrannt. Das sind doch alles Kleinigkeiten. Für handwerklich Begabte die ideale Immobilie…

Mein Highlight war der Keller! Die Decken waren so niedrig, dass ich in dem Gewölbe kaum aufrecht stehen konnte und die Wände starrten regelrecht vor Schimmel. Ob dieses “Loch” denn nicht vielleicht ein klitzekleines bisschen feucht sei, fragte ich. Nun, antwortete der Makler, selbstverständlich wäre es das, denn nur so könne man den Wein ordentlich lagern. Dabei zeigte er auf ein paar völlig verdreckte, angesiffte Flaschen, die an einer schwarz bepilzten Wand lehnten. Als ich ihn höflich darauf hinwies, dass ich meinen Wein eigentlich – beim Anblick dieses Verhaus – lieber in der Küche lagern würde, wurde der Kerl nun auch noch richtig unverschämt. Bei einem Preis von 150.000 Euro dürfe man ja wohl nicht zu viel erwarten! Was ich mir denn einbilden würde.

Ganz einfach – ich bilde mir ein, dass ich mir keine Immobilie mit Sickergrube, Tauben im Dachstuhl, Schimmel im Keller und vielen anderen “interessanten” Dingen zulegen möchte. Das wird doch wohl noch erlaubt sein, oder?

9. April 2008

Ich habe ein Herz für Tiere

Jeder bekommt das, was er verdient! Ja, ja – das sagt sich so leicht. Wer mir nicht glauben möchte – bitteschön – ich kann es selbstverständlich beweisen.

Dieser Tage “verdient” der deutsche Medienrezipient offenbar Berichte, Dokumentationen und Bilderreihen über verhaltensgestörte Eisbären in deutschen Zoos. Der Pfleger, der bislang eher für die Entsorgung der Notdurft des gefangenen Tieres zuständig war, wird von heute auf morgen zum Medienstar.
Ist das interessant?

Unter diesem Aspekt betrachtet, beschleicht mich wirklich das Gefühl, etwas sehr Schlimmes angestellt zu haben, um diese Art der journalistischen Zuwendung zu erhalten. Erst Knut, nun Flocke – online wie offline hagelt es Schwachsinnsmeldungen rund um die gehypten Zoobewohner. Dabei gibt es soviel Themen aus dem Tierreich, die es ausführlich zu erörtern lohnen würde.

Warum erfahren die geneigten Leser beispielsweise nur Oberflächliches über den höchst interessanten Borneo-Barbourfrosch? Dieses gar nicht mal so hässliche Tier besitzt keine Lungen und verfügt über die faszinierende Eigenschaft seinen Sauerstoffbedarf über die Haut zu decken.
Richtig mitreißend sind auch die Kronenquallen, die in der Fachsprache auch unter dem hübschen Namen Periphylla periphylla bekannt sind. Sie leben in Tiefen bis zu 7.000 Metern und leuchten von innen.
Zu guter Letzt könnte man auch den allseits beliebten Nacktmull bemühen. Leider wird dieses possierliche Tierchen immer nur dann durch die Medien gezerrt, wenn es um Häßlichkeits-Rankings im Tierreich geht. Dabei können diese hinreißenden Nager viel mehr, als einfach nur erschreckend aussehen. Sie benötigen beispielsweise keinerlei Flüssigkeitzufuhr, da sie ihren Bedarf über die Nahrungsaufnahme decken. Eine überaus effiziente Art der Versorgung, oder nicht? Zudem haushalten sie mit ihrer eigenen Körperenergie sehr sparsam. Sie gehören zwar zu den “gleichwarmen” Säugetieren, passen ihre Körpertemperatur jedoch ihrer Umgebung an. Schwankungen zwischen 12 und 32 Grad sind die Folge. Ist es ihnen zu kalt, finden sie sich sogar zum wärmenden “Gruppenkuscheln” zusammen.
Das soll diesen lustigen kleinen Viechern erst einmal jemand nachmachen!

Ich für meinen Teil, werde erst wieder eine Meldung über Knut & Co. lesen, wenn er ohne Lungen atmen kann, von innen leuchtet und mit seinen körpereigenen Ressourcen effizienter als bisher umgeht!

8. April 2008

Shopping für Fortgeschrittene: Ein Brautkleid, bitte!

Jedes “Mädchen” träumt davon – von dem romantischen, weltbewegenden Tag ihrer Hochzeit. Nun ist es natürlich ganz klar, dass abgewetzte Jeans und T-Shirts vor dem Traualtar zu den eher unpassenden Kleidungsstücken gehören. Nein – es muss schon ein Kleid sein, das alle alten Tanten zu Tränen rührt und den Brautjungfern den blanken Neid ins Gesicht treibt. So zumindest wird es von einem erwartet – ob man sich das selbst so vorgestellt hat, tut erstmal nichts zur Sache. Außerdem fehlt schlicht die Zeit, sich eigene Gedanken zu machen. Die Organisation muss beginnen!

Jede Frau, die sich nassforsch denkt, eine Hochzeitsplanung sei ja wohl nicht schwerer als die Realisierung eines wissenschaftlichen Kongresses, wird bereits nach den ersten ernst zu nehmenden “Hürden” auf dem Weg zum romantischsten aller Tage eines besseren belehrt.
So zum Beispiel muss betont werden, dass es wesentlich leichter ist, einen Kleinwagen zu kaufen, als ein Brautkleid. Ich spreche aus Erfahrung!
Während man im ersten Fall ganz spontan ein Autohaus besucht, eine Probefahrt hinter sich bringt und die Kreditkarte zückt, gestaltet sich die Sache mit dem Kleid schon wesentlich anspruchsvoller. In den einschlägigen Brautmodegeschäften gilt: Um Terminabsprache wird gebeten! Aber nein – es wird gar nicht darum gebeten, es ist Pflicht! Nun gut, denkt sich die moderne Braut und greift zum Telefon – was sein muss, muss eben offenbar sein.

Mit dem Besuch des Geschäftes wird jedoch ein weiterer Unterschied zum vergleichsweise stressfreien Autokauf klar. Während Verkäufer fahrbarer Untersätze meist schnittige, unkomplizierte Typen sind, wird man in einem Brautmodengeschäft meist von einer älteren Dame, Marke Schwiegermutter, belauert. Diese möchte nun wissen wie sich die Braut das Kleid denn nun vorgestellt hat. Wehe jener Frau, die sich vorher keine Bleistiftskizzen gemacht oder zumindest Fotos aus Brautmagazinen ausgeschnitten hat! Denn während in einem Autohaus verschiedene Modelle zur Ansicht herumstehen und Anfassen durchaus erwünscht ist, erweist sich dieses vertraute Verfahren bei einem Kleid für den “schönsten Tag des Lebens” als unmöglich realisierbar.

Nein, die Braut in spe befindet sich plötzlich in der komplizierten Situation, einer brotdummen Person erklären zu müssen wie das gewünschte Kleid aussehen könnte. Die Betonung liegt hier auf dem kleinen, aber keineswegs unbedeutenden Wort “könnte”. Denn ob ein entsprechendes Modell überhaupt existiert, weiß man in der Regel nicht. Anschauen und Anfassen ist ohne betreuendes Personal nicht erlaubt. Alle Kleider sind aus Angst vor hässlichen kleinen Schmutzflecken im Lager verstaut und müssen von eben jener Einzelhandelskauffrau aus dem Lager geholt werden, der man im “echten” Leben nicht einmal die Auswahl der passenden Schuhe zugetraut hätte. Sie ist es dann auch, die mit der jungen Frau zusammen die Umkleidekabine betritt und ihr Opfer unter knappen, harsch anmutenden Einweisungen in das pompöse Kleid stopft.
Damit sei nun jede Frau gewarnt, die dachte, es wäre “kein Thema” ein Brautkleid zu kaufen.

Zu diesen Schwierigkeiten addiert sich die kapriziöse Natur der Damen, die in Brautmodengeschäften arbeiten. Ein Autoverkäufer ist zwar oft etwas einfacher strukturiert, versucht aber doch erfrischend flott daher zu kommen und dem Kunden ein positives “Feeling” zu vermitteln. Schließlich ist ein Auto mehr als ein Fortbewegungsmittel, es geht um ein lustvolles Lebensgefühl – das behauptet zumindest der gut geschulte “ehrliche Kaufmann”.
Nicht so die matronenhafte Brautkleidverkäuferin! Sie weiß, was für die Kundin gut ist, wird bei Protest dagegen plötzlich auf beiden Ohren taub und schüchterne Bräute, die ihren Willen nicht durchsetzen können, sind modisch gesehen innerhalb kürzester Zeit verloren. Wagt es eine Frau, sich selbstbewusst dem “guten Geschmack” der Verkäuferin zu widersetzen, wird die Konversation schon recht schnell unterhalb der Gürtellinie geführt. “Ach sie mögen diesen Schnitt! Der steht ihnen aber gar nicht, mit ihren breiten Hüften!” oder “Ich würde in Kleid mit breiten Trägern nehmen und vielen, vielen Rüschen – da sieht man nicht, dass sie kaum Oberweite besitzen!” – doch dies sind nur Auszüge aus sich ergebenden Verkaufsgesprächen der besonderen Art.

Es ist Krieg und nur eine kann ihn gewinnen! Wenn die erschöpfte Kundin nun endlich ein Kleid gefunden und ihren Willen nach zermürbenden Diskussionen durchgesetzt hat, ist der Einkaufsbummel natürlich noch längst nicht zu Ende. Zu früh gefreut! Denn, was ist schon ein Kleid ohne die passenden Schuhe, die farblich perfekte Handtasche, gut sitzende Strümpfe und die Unterwäsche.
Auch an den Bräutigam muss zu guter Letzt noch gedacht werden. Erstaunt wird man von der Verkäuferin – die mittlerweile zu Hochtouren aufgelaufen ist – darüber aufgeklärt wie die korrekte Vorgehensweise aussieht. Wurde beispielsweise ein cremefarbenes Kleid ausgesucht, muss das Hemd des Zukünftigen natürlich dazu passen. Völlig schmerzfrei denkt sich die Braut – na gut, cremeweiß muss dann eben auch die Oberbekleidung des Herren sein. Doch weit gefehlt! Es gäbe, so tönt die beratende Dame, zehn verschiedene Varianten des Farbtones und nur eine einzige passe ganz sicher zum Kleid. Wer hätte das gedacht?
Hat die zukünftige Braut es nach zwei Stunden, völlig erschöpft, bis zur Kasse geschafft, wünscht sie sich – so viel ist sicher – zwei Wochen Urlaub!

Doch die bekommt sie natürlich nicht. Schließlich muss das Kleid noch geändert, der Catering-Service ausgesucht, der DJ verpflichtet, der Raum gemietet, Einladungen verschickt und das Hotel gebucht werden.
Zum Glück hat nie jemand behauptet, dass es leicht wäre eine Hochzeit zu planen.

Er hätte glatt gelogen!

7. April 2008

Stabilität im Leben durch engagierten Garderobendienst

Hose, Kleid oder doch lieber die bewährte Kombination aus Bluse und Rock? Pumps, Stiefel oder Halbschuhe? Natur- oder Knallfarben? Maxi oder Mini? Diese und viele weitere Fragen drehen sich munter in meinem Kopf umher, wenn ich versuche mir die Kleidung für meinen 30. Geburtstag herauszulegen. Man steht vor einer echten Herausforderung und denkt sich: “Mensch – das geht gar nicht! In diesem Fetzen sehe ich aus wie eine Wurst auf Beinen” oder “Und das hier – was hat mich damals wohl geritten diesen Fehlkauf zu tätigen”.
Während ich mich so in Gedanken versunken im Spiegel betrachte, fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Manche Sachen ändern sich nie!
Zufriedenheit – nicht nur hinsichtlich einer gelungenen Kleiderwahl - ist etwas, was man anderen gönnerhaft wünscht – zu den eigenen Tugenden zählt sie leider selten. Doch das gibt man selbstverständlich nicht zu und versenkt sich eifrig in die Welt der Ratgeberliteratur. Manchmal kommt einem dann vielleicht die Frage in den Sinn, was die Menschen wohl vorher gemacht haben, bevor Bestseller mit Titeln wie “Die Anleitung zum Glück” oder “So lieben Sie Ihr Leben” auf dem Markt erhältlich waren. Was hätten bloß all die esoterischen Hausfrauen, krisengeplagten Managertypen und unentschlossenen Berufsanfänger getan? Vermutlich auch nichts anderes als heute! Was schwarz auf weiß so verheißungsvoll an unsere inneren Wünsche appelliert, kann nur ein Produkt der Werbung sein. Wer als Autor so viel verspricht, nimmt den Mund unter Garantie zu voll, verschluckt sich und wird letzten Endes hustend alle Inhalte über den Tisch spucken. Pfui!
Obwohl dies natürlich eine wahrlich unschöne Vorstellung ist, beweist sie doch einiges:
Manche Sachen ändern sich – im Gegensatz zu meinem Garderobeverhalten - also doch!
Während mein Rock am Hintern leider nach fast einem Jahrzehnt immer noch kneift und damit zu der Gattung der sich “nicht ändernden Dinge” gehört, beschäftige ich mich mit 30 Jahren natürlich in erster Linie mit sehr viel existentielleren und wichtigeren Dingen als den kleinen Widrigkeiten des Lebens – das rede ich mir zumindest sehr erfolgreich ein. Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Karriereleiter, die man rauf und unerfreulicherweise auch runterfallen kann. Ein wichtiges Thema! Von älteren, weiseren Menschen hört man immer wieder den interessanten Ratschlag, man solle mit 30 an einem “gewissen” Punkt angekommen sein. Welcher Punkt das allerdings sein soll, verschweigen sie meist tapfer lächelnd. Nun gut – man kann sich ja vorstellen, was sie meinen. Man hat ja schließlich ein sehr gut funktionierendes Gehirn.
Lassen Sie mich nachdenken und im Geiste die kurze aber gewichtige Liste schnell durchgehen: Nein, ein Haus habe ich noch nicht gebaut – ähm, moment: Nein, Kinder sind auch nicht gezeugt worden – das hätte ich wohl mitbekommen. Die Sache mit der Baumanpflanzung lasse ich lieber von vorne herein weg – Erde unter den Fingernägeln ist nur schwer zu entfernen und ich habe zudem keinen grünen Daumen! Um es kurz zu machen - Ich bin bislang einfach zu beschäftigt, dafür zu sorgen, dass eben diese alten Menschen mit ihrer hilfreichen Lebenserfahrung eine schöne Rentenzeit genießen und den verdienten Lebensabend im idyllischen Weimar verbringen können, wo sie täglich Goethe und Schiller genießen und in einem Haus mit Pool wohnen. Wie gemein – so was darf man nicht schreiben!

Aber Spaß beiseite – Karriere zu machen ist ja auch nicht jedermanns Sache. Nicht umsonst bin ich derzeit stolzes Mitglied des 4K-Clubs, auch KKKK-Verein genannt. Wer in diese sonnig gestimmte Community eintreten möchte, muss nicht zwangsläufig mit brennenden Kreuzen hinter farbigen Mitbürgern und ethnischen Minderheiten herhetzen. Nein - viel mehr stehen die vier Buchstaben für die frohe Botschaft: Keine Kinder, keine Karriere! Klingt lustig und irgendwie auch sehr befreiend – da bleibt viel Zeit für gleichermaßen sinnlose wie farbenfrohe Ideen und reichlich Kreativität. Beides bleibt schließlich etwas auf der Strecke, wenn man sich zwischen Windeln, schreiendem Nachwuchs und nörgelnden Chefs zerteilen muss. Natürlich werden mir viele frisch gebackene Eltern berichten, dass es kaum etwas Besseres auf der Welt gibt, als die erfüllende Aufgabe der Kindererziehung, doch wer dieses „Glück“ nicht erlebt hat, kann es wohl irgendwie nicht nachvollziehen. Wie gut – dann muss ich keine Energie darauf verschwenden. Noch nicht!
Bis es soweit ist, fröne ich lieber noch ein bisschen der Leichtigkeit des Seins und all den Vorzügen, die sich daraus -mehr oder weniger- ergeben. Schließlich versucht sich meine Generation seit der Sache mit dem 2er-Golf, die in der Literatur hohe Wellen geschlagen hat, so gut wie es eben geht vom Ernst des Lebens zu befreien. So gesehen ist man in diesem 4K-Club eigentlich ziemlich gut aufgehoben. Fragt sich bloß wie lange noch. Leider verhält es sich mit diesen freiwilligen Mitgliedschaften nicht wie mit einem hässlichen Paar Schuhe und einer zu engen Bluse. Bei denen weiß schließlich man, was man hat – für immer: Nämlich ein paar hässliche Schuhe und eine Bluse, in die nicht die Hälfte von dem, was man hat, hineinpasst.
Die Einstellung dagegen, die man beispielsweise als Student noch so gerne knackig vor sich her getragen hat, ändert sich – mindestens so stark wie die kulinarischen Vorlieben, die man nach dem Studium entwickelt. Während es damals noch der Automatenkaffee zwischen den Vorlesungen sein durfte und eine Packung Schokokekse den Nachmittag bis zum Erwerb des ersten Bieres am Abend überbrücken konnte, sollte es heute schon etwas Bekömmlicheres sein. Ich meine: Welches kinderlose Paar ist noch nicht Basilikum schnippelnd, Trüffel rubbelnd und französischen Rotwein schlürfend durch die elegante Wohn-Küche getobt? Warum eine Umkehr zu höchst praktischer, aber ungesunder Kost? Schließlich kann man sich die Qualität, die ihrem Namen meistens keine Ehre macht, ja jetzt leisten – auch wenn die Preisanhebung bei den Milchprodukten sicherlich ein Thema wäre, das man einmal näher beleuchten und anschließend verdammen sollte.

Es ist erschreckend mitzuerleben wie man sich selbst ändert und wie man von anderen gesehen wird. Diese Einsicht hat schon so machen 29-Jährigen die Tränen in die Augen getrieben. Also ob Falten um die Mundwinkel, sich langsam einschleichende Gewichtsprobleme und so manches andere Zipperlein nicht schon reichten, um einem das Altern mies zu machen. Nein - schlimmer geht es bekanntlich immer. Man fühlt sich neben all diesen kleinen Unpässlichkeiten zusätzlich wie im Kontinuum der Midlife-Pubertät gefangen, in dem die wenigen Stabilität schaffenden Dinge, sich auf ein paar Klamotten, kleine bescheuerte Verhaltensweisen und ähnliches beschränken.

Doch ich will nicht alle Wände schwarz tünchen - zumindest weiß ich nun, was ich an meinem 30.Geburtstag anziehen möchte. Ein kleiner Erfolg in Mitten der Misere - der übrigens laut Ratgeberliteratur sehr positive Effekte nach sich ziehen soll!
Neugierig?
Es wird das rote Samtkleid mit dem schnuckeligen Brandfleck am Rücken sein, den man nur sieht, wenn man ganz genau hinschaut. Es war schon immer mein Lieblingskleid und manche Sachen ändern sich wie glücklicherweise nie – und das ist doch sehr beruhigend, oder?

6. April 2008

Hallo Welt!

Vorbei ist die sorgenvolle, dunkle Zeit der Trauer.
Jetzt habt ihr ja MICH ;-)!